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Kinshasas Populärkultur: Von Papa Mfumu’eto zu Youtube

Die Populärkultur in Kinshasa, ihre narrativen Strategien, ihre Rolle in der Gesellschaft und ihre Veränderung mit der Zeit: Der Kunstkritiker und -forscher Jean Kamba zeigt die Zusammenhänge von Populären Comics, Musik und Fernsehen.

Das Narrativ von Kinshasas Populärkultur und ihre Fermente passen sich auch den Entwicklungen der Kommunikationsmedien an, indem sie auf technologische Innovationen aufspringen, die durch neue Informations- und Kommunikationstechnologien angekurbelt werden.

Dieses Narrativ war schon immer in großem Umfang in der Populären Musik, dem von den Stars verbreiteten, kongolesischen Rumba, zu finden, sowie auch in Fernsehdramen, die allgemein als „Maboke“ bezeichnet und regelmäßig über lokale Fernsehsender ausgestrahlt werden; und vor allem durch Populäre Comics, darunter die des berühmten Papa Mfumu’eto.

»Urgent : BAKALI NA KYLER BA LELISI KOFFI OLOMIDE BO TALA MAKAMBU ELEKI NA KINSHASA ODIA A LELI« AFRICA INFOS, Youtube, 2022.

Heutzutage kommen noch hybride Fernsehsendungen und -shows hinzu, die schwer charakterisierbar und unklassifizierbar sind, wie „Lingala facile“[1], „Kin makambo“[2] usw., die alltägliche Geschehnisse mit dem Fokus auf den „Skandal“ verbinden. Auch wimmelt es im Netz von Beiträgen, in denen Musiker sowie berühmte kongolesische Persönlichkeiten eingeladen werden, um unter Schlagwörtern zu polemisieren oder Angriffe zu starten, welche die Zuschauer*innen zum Anklicken bewegen und die Anzahl der Aufrufe ihrer YouTube-Kanäle erhöhen sollen.

Wie bereits erwähnt, haben die Informations- und Kommunikationstechnologien dieses Narrativ ins Digitale verlagert, und die sozialen Netzwerke verbreiten diese Inhalte nach Herzenslust. Die Anzahl der angebundenen Personen ist gigantisch, weil sie auf die dort verbreiteten Inhalte versessen sind. Vor allem diejenigen aus der kongolesischen Diaspora bleiben auf diese Weise mehrheitlich mit ihrem Heimatland verbunden und nähren ihre Phantasie über diese Inhalte.

Die Schlüsselwörter in diesem Narrativ bleiben die „Sensation“ und der „Skandal“, die etwas paradoxerweise mit dem „moralistischen“ Ansatz im Hintergrund koexistieren.

Der Skandal ist eine ernste Angelegenheit, die wichtige Personen verwickeln oder kompromittieren kann, und welcher die öffentliche Meinung erschüttert und empört. Es ist eine schändliche Tatsache oder ein schändliches Ereignis, das Empörung hervorruft.[3]

Die Codes von Mfumu’eto und der Youtuber*innen

Photo of Revue Mfumu’Eto :“Super Choc 31. La Véritable Mwan’a Mbanda.“ Cover Image.
Courtesy of the Papa Mfumu’Eto 1er Papers, George A. Smathers Libraries, University of Florida. https://ufdc.ufl.edu/collections/mfumss/ 

Wenn man sich die Vielzahl der Ausgaben von Papa Mfumu’eto ansieht, stellt man ohne weiteres fest, dass der Skandal den zentralen Platz in seinen Erzählungen einnimmt. Schon die Titel deuten auf den ersten Blick darauf hin: Nguma ameli muasi (Eine Boa verschluckte eine Frau), Pastor akangi ngando ya mystic a lata rosary (Ein Pastor macht ein teuflisches Krokodil unschädlich, das einen Rosenkranz trug), Baby oyo abimaka na zemi ya maman naye na butu (Die Geschichte eines Babys, das jede Nacht aus dem Bauch seiner Mutter kommt), Magic ya somo na kati ya Nationalhymne ya Zaire? (Ist die Nationalhymne von Zaire reine Magie?), usw.[4]

Photo of Revue Mfumu’Eto: »Bébé Oyo Abimaka Na Zemi Ya Mama Na Ye Na Butu«, 20 April 1999, Cover Image, Courtesy of the Papa Mfumu’Eto 1er Papers, George A. Smathers Libraries, University of Florida. https://ufdc.ufl.edu/collections/mfumss/ 

Ebenso werden Bilder berühmter Persönlichkeiten verwendet, um Publikum anzuziehen, durch Überschriften wie: Ya mungul akei koluka mosala na AFDL? (Hat Munguludiaka nach Arbeit bei der AFDL gesucht?), Mobutu akomi fazeur? (Ist Mobutu obdachlos geworden?), etc.[5]

Diese Auswahl von Comicausgaben wurde damals aufgrund ihrer Zugänglichkeit im lokalen Vertrieb, ihres Preises, der Einfachheit ihrer sowohl verbalen als auch bildhaften Sprache und der Selbstidentifikation in den wiedergegebenen Geschichten massenweise konsumiert.

Film Still, »BA KULUNA BA KOTELI BA SOLDATS«, Moliere TV (Youtube Channel), 2017.

In den aktuellen YouTube-Beiträgen geht es natürlich nicht um fiktive Begebenheiten wie bei Mfumu’eto, sondern um wahre Begebenheiten, aber die beiden bedienen sich fast der gleichen sprachlichen Elemente. Der Zugang zum Internet erleichtert es vielen, vernetzt zu sein, die verwendete Sprache ist hauptsächlich Lingala, die visuellen sozialen Codes sind die gleichen, die Personen reagieren auf dieselben Profile und sogar die Titeltechniken sind die gleichen, zum Beispiel: Urgent sextape ya Moise Mbiye scandale sextape (Dringend! Sextape de Moise Mbiye Sextape-Skandal); Kake! Après FR Michel, Moise Mbiye scandale sextape (Eilmeldung! Nach FR Michel, Moise Mbiye Sextape-Skandal); Ken Mpiana atindeli Koffi Olomide message ya somo (Ken Mpiana sendete Koffi Olomide eine skandalöse Nachricht), Etumba ! Sankara Dekunta asasi nde ko sasa Zacharie (Skandal! Sankara Dekunta massakrierte Zacharie). Und dies ist nur eine Auswahl von Titeln und Links, die massenweise aufgerufen und verfolgt werden; was sich anhand der Anzahl der Aufrufe oder Personen, die auf die Links geklickt haben, einfach belegen lässt.


[1] Auf Youtube zu sehen.                                                                                                                                         

[2] Siehe ebenfalls bei Youtube.

[3] Microsoft® Encarta® 2009 © 1993-2008 Microsoft Corporation. Alle Rechte vorbehalten.

[4] Nancy Rose Hunt, »Papa Mfumu’Eto 1er, star de la bande dessinée kinoise«, Beauty Congo, 1926-2015: Kongo Kitoko, Ausstellungskatalog, 2015, S. 276-281.

[5] Idem.

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